Von Gideon Glanz
Mal ganz ehrlich unter uns chronischen Beutejägern: Haben Sie beim digitalen Streifzug auch manchmal das dringende Bedürfnis, eine Münze in das Handy zu stecken, um einen Einkaufswagen freizuschalten? Der moderne Dating- und Affärendschungel hat sich klammheimlich in einen virtuellen Hardcore-Wühltisch verwandelt. Hier werden die Schmetterlinge im Bauch und das schnelle, diskrete Liebesabenteuer im praktischen Multipack zum absoluten Spottpreis verramscht.
Ein Wisch nach links: Gnadenlos weggeschaut, weil das Hemd auf Foto drei dezent nach Bügelphobie aussah oder der Hund im Hintergrund einen wesentlich intelligenteren Eindruck machte als sein Besitzer. Ein Wisch nach rechts: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ein potenzielles Herzblatt – oder zumindest das nächste geheime Strohfeuer für den feuchtfröhlichen Samstagabend – in Ihren digitalen Einkaufskorb gelegt! Wir scrollen, vergleichen und feilschen uns durch die Menschheit wie auf einem orientalischen Basar. Immer auf der Jagd nach dem fehlerfreien Premium-Modell mit eingebauter Vollkaskoversicherung und absolut lautloser, spurenfreier Abwicklung für das schlechte Gewissen.
Das ganz große Drama an der Sache ist der berühmt-berüchtigte Retouren-Wahnsinn im Gebüsch der Gelegenheiten. Kaum sitzt man beim konspirativen Kaffee zusammen und stellt fest, dass der vermeintliche Traumprinz oder die rassige Geheimaffäre im echten Leben beim Lachen wie ein asthmatischer Staubsauger klingt, schielt das Auge unter dem Tisch schon wieder sehnsüchtig zum Display. Man könnte ja schließlich noch upgraden! Warum sich mit einem soliden, fahrtüchtigen Mittelklasse-Modell zufriedengeben, wenn der Algorithmus im nächsten Moment vielleicht das runderneuerte Luxus-Exemplar mit Vollausstattung und Null-Prozent-Finanzierung ausspuckt? So wird das vielversprechende Abenteuer von heute im Handumdrehen zur Retoure von morgen.
Wir jagen die große Romanze oder den schnellen Seitensprung per Mausklick, verhandeln im Chat wie gewiefte Gebrauchtwagenhändler um die Mängelhaftung und wundern uns dann am Ende ganz ernsthaft, warum im Bett statt der Hollywood-Sinfonie plötzlich nur ein mittelschwerer Software-Fehler liegt, der auch noch schnarcht wie eine Kettensäge und die ganze Decke stiehlt.
Mein höchst verschmitzter Rat für alle Liebes-Gourmets und Dschungel-Abenteurer: Schalten Sie das digitale Schaufenster einfach mal ab. Machen Sie die Augen im analogen Alltag auf und riskieren Sie ruhig mal einen ungefilterten, analogen Blick. Denn die wirklich epischen Funken sprühen meistens erst dann, wenn man im echten Leben völlig unperfekt übereinander stolpert – ganz ohne Photoshop, Ladebalken und gesetzliches Widerrufsrecht für verunglückte Liebschaften. Und wer weiß: Vielleicht ist das Modell mit dem kleinen Schönheitsfehler am Ende genau das, das Ihnen die aufregendsten schlaflosen Nächte beschert!